Eine viel zu romantische Weihnachtsgeschichte

Agathe pflegte Menschen in zwei Kategorien einzuordnen. Da war zum einen die Kategorie der Menschen, die in ihrem eigenen Kopf lebten. Die meisten Personen ließen sich mehr oder weniger dieser Sorte zuteilen. Sie waren bei sich selbst daheim und unternahmen, wenn überhaupt, ab und an Ausflüge in den Kopf eines anderen Menschen. Häufig galt diese Aufmerksamkeit Personen, die ihnen sehr nahestanden. Die zweite Kategorie umfasste Menschen, die in dem Kopf aller anderen Menschen zuhause waren und sich selbst nur gelegentlich mit geistiger Anwesenheit beehrten. Dieser Sparte würde Agathe sich selbst und nur wenige andere Menschen zuteilen.

In der letzten Woche kam zum Beispiel ein Mädchen in ihre Buchhandlung, das sie schon beim Durchschreiten der Ladentür als eben solche Person ausmachte. Sie ging an der Hand ihres Vaters, der geschäftig nach einem bestimmten Buch suchte, einen Kollegen traf und bei den Postkarten nach einer Weihnachtskarte für seine Mutter schaute. Während er seine Tochter vorstellte, oder auch als er versuchte sie zwischen zwei Karten „für die Oma“ wählen zu lassen und sie fragte, ob sie neue Tintenpatronen für ihren Füller bräuchte, beobachtete das Mädchen mit geweiteten Augen die Menschen, die sich im Buchladen befanden. Ab und an nickte sie abwesend, streifte mit dem Blick die Auslagen, las einen Klappentext oder verlor sich in der Gestaltung eines Buchcovers. Sobald jedoch ein Gesprächsfetzen durch den Buchladen zu ihr hinüberwehte, spitze sie die Ohren, wandte die großen Augen mit abwesendem Blick in die Richtung, aus der der Fetzen stammte, und verschwand in den Köpfen der anderen. Für den Vater war das Verhalten der Tochter durchaus frustrierend. Agathe erhaschte Sätze, die sie selbst nur zu gut kannte, Sätze wie: „Hörst du mir überhaupt zu?“, „Sag mal, was machst du da eigentlich?“, oder „Hallo! Ich habe dich etwas gefragt!“. Jeder, der zu der kleineren Kategorie von Menschen gehörte, wurde von Zeit zu Zeit mit diesen Sätzen konfrontiert.

An diesem Tag sollte Agathe einen Menschen antreffen, der sich so weit äußerlich der Personen befand, die in ihrem eigenen Kopf zuhause waren, dass es für diese Art von Mensch im Grunde eine eigene Kategorie geben müsste. Die „Ich brauche eine Brücke und Kraft, um zu anderen zu gelangen“-Kategorie. Es war der Tag vor Weihnachten und im Laden war es erstaunlich ruhig. Anscheinend waren alle Weihnachtgeschenke bereits besorgt und alle waren mit häuslichen Weihnachtvorbereitungen beschäftig. Agathe genoss das leise Geplätscher einzelner Kunden und sortierte am Tresen die kleinen Aufkleber einer befreundeten Illustratorin, die sie seit einigen Wochen verkaufte. Als die Ladentür sich öffnete und ein junger Mann eintrat, war sie von einem Moment zum anderen aus dieser Tätigkeit ausgestiegen. Viel zu interessant war der Ausdruck in seinen Augen. Er schien zugleich sehr jung (fast jungenhaft) und außerdem sehr erfahren und gewandt zu sein. Sein Blick glitt systematisch über die Regale und ohne zu zögern, zog er ein sehr theoretisch angelegtes Buch über bestimmte Themengebiete der Quantenphysik aus dem Regal. Agathe konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es war nicht leicht, in seinen Kopf zu gelangen. Beinahe unmöglich. Er war so bei sich, so weit innen, dass es kein Durchkommen, keinen Übergang gab. Als er zielgerichtet mit dem Buch zu ihr an die Kasse kam, sah er ihr direkt in die Augen und lächelte galant.

„Ich habe gesehen, dass es in der hinteren Ecke des Ladens ein Schachbrett mit einem begonnenen Spiel gibt. Ist es so gedacht, dass jeder, der möchte, ziehen darf?“

Agathe nickte freundlich. „Ja, nur zu! Es wird Zeit, dass das Spiel vorangetrieben wird. Ich bin schon auf den Ausgang gespannt.“

„Sehr gut, dann werde ich mich daran versuchen! Sagen Sie, es gibt zu diesem Buch noch einen anderen Band, ist es möglich ihn zu bestellen?“

„Natürlich, sie können ihn morgen früh gegen zehn Uhr schon abholen, dann haben Sie pünktlich zum Fest alle Geschenke beisammen!“

Der Mann zuckte die Schultern. „Er ist nicht als Geschenk gedacht, ich würde ihn selbst gern lesen.“

Agathe runzelte die Stirn, es war ihr unmöglich zu erkennen, ob der junge Mann traurig über diesen Umstand war, oder ob sein Gefühl dazu sich neutral verhielt. Als er den Laden verließ, huschte sie zum Schachbrett und schmunzelte. Sein Zug war genial, geradezu brillant. Sie nahm sich ein wenig Zeit das Brett zu studieren und bewegte dann den Springer der Gegenseite. Gerade, als sie den Zug beendet hatte, betrat erneut ein Kunde den Laden. Erneut wurde Agathes Aufmerksamkeit von dem Eintretenden absorbiert. Er war überall. Seine Präsenz durchströmte den Buchladen. Sobald er sie entdeckte, zwinkerte er ihr zu und sein Blick schien sie zu durchdringen, als würde er sie röntgen. Agathe musste ihren Blick abwenden, nachdem sie ihm kurz zugelächelt hatte. Er schaute sich aber gar nicht erst um, sondern kam direkt zu ihr.

„Guten Tag, haben Sie soeben einen Zug auf dem Schachbrett gemacht?“

Agathe nickte. „Es ist so gedacht, dass jeder, der möchte, einen Zug tätigen kann. Der Zug des Herrn, der vor Ihnen da war, war fantastisch, da konnte ich nicht anders als darauf zu reagieren.“

Der Mann lächelte keck und musterte sie intensiv. Dann betrachtete er das Schachbrett.

„Gut, ich werde auch einen Zug wagen, bevor ich gehe. Ich suche nach einem Reiseführer für einen Campingtrip in Norwegen, können Sie mir dabei vielleicht helfen?“

„Ist es ein Geschenk?“, fragte Agathe und wollte sich schon umdrehen, als der Kunde traurig den Kopf schüttelte. Sie hielt inne, um ihm zuzuhören.

„Nein, leider nicht. Es wäre schön einen Reisepartner zu haben, aber ich denke, dieses Mal reise ich noch allein.“

Agathe nickte verständnisvoll. Dann kam ihr eine Idee und sie schmunzelte. Es brauchte eine kleine Notlüge.

„Leider habe ich einen solchen Reiseführer nicht vorrätig, aber ich kenne einen sehr guten und würde ihn gern für Sie bestellen. Könnten Sie ihn morgen gegen zehn Uhr abholen?“

Der Kunde strahlte und nickte begeistert.

„Sehr gern!“, sagte er und zog den Turm. „Matt!“, fügte er zwinkernd hinzu und verließ den Laden.

Um zehn Uhr am nächsten Morgen stand Agathe mit ihrem Kaffee in beiden Händen aufgeregt hinter ihrem Tresen. Herr Quantenphysik betrat den Laden zuerst. Ohne sie zu grüßen, ging er zum Schachbrett und betrachtete es. Dann runzelte er die Stirn. Nur einige Augenblicke später betrat Herr Norwegen den Raum. Er lächelte ihr zu und nahm dann Herrn Quantenphysik am Schachbrett war. Er hob die Augenbrauen und schlenderte betont lässig hinüber. In Agathes Bauch kribbelte es vor Aufregung. Herr Norwegen stellte sich zum Schachbrett.

„Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang?“, fragte er Herrn Quantenphysik. Dieser nahm ihn nun erstmalig wahr und lächelte überrascht.

„Es ist fantastisch. Haben Sie etwa den letzten Zug gemacht?“

Herr Norwegen nickte. „Es freut mich, dass es Ihnen gefällt! Spielen Sie regelmäßig? Vielleicht könnten wir und ja einmal zum Spielen verabreden? Ich trete zu oft gegen einen Computer an, das ist nicht dasselbe…“

Agathe war, als sähe sie eine silberne Brücke, die Herr Norwegen seinem Gegenüber aus Blicken und Körperhaltung spann. Dieser hob die Augenbrauen und es war, als würde er zögernd den Fuß heben, um einen ersten, wackligen Schritt zu versuchen.

Herr Quantenphysik nickte vorsichtig. „So geht es mir auch! Sehr gern! Wir könnten Nummern austauschen. Haben Sie noch Zeit für einen Kaffee, oder sind Sie in Eile?“

„Nein, ich meine ja, ich meine nein, ich bin nicht in Eile, sehr gern ein Kaffee!“

Als Agathe die Szene beobachtete, erfüllte sie ein sehr eigentümliches Gefühl von Glück. Ganz besonders, weil sie sich darauf freute, ihrer Familie am heiligen Abend von dieser wundervollen Geschichte zu berichten. ´So ein überromantisches Weihnachtsmärchen´, dachte sie und begann den Laden auf die Weihnachtsferien vorzubereiten.